Hier zu Hause

Die Geschichte der Familie

Familie M – seit über vier Jahren Teil der Gemeinde Kilchberg

Seit ihrer Flucht aus Tschetschenien leben Timur, Khedi und ihre vier Kinder nun schon seit über vier Jahren in Kilchberg. Die herzliche und hilfsbereite Familie ist in der Gemeinde bestens integriert. Die Kinder gehen hier in die Schule. Der Vater hat eine zugesicherte Arbeitsstelle. Familie M wurde trotz aller Integration, bester Sprachkenntnisse und fragwürdigem Verfahren am 9.6.2016 ausgeschafft.
Seit ihrer Flucht und ihrer Ankunft in der Schweiz lebt Familie M mit uns in Kilchberg. Timur und seine Familie haben sich trotz der ihnen fremden Kultur schnell hier eingelebt und integriert. Nebst ihrer herzlichen und offenen Art ist ein weiterer Grund dafür sicher auch ihr Engagement in der Gemeinde und die Einschulung der Kinder: Seit über vier Jahren besuchen Anvar, Marha und Linda die Primar- und Sekundarschule in Kilchberg und haben hier ihre Freundinnen und Freunde. Mansur, der Jüngste, ist in der Schweiz geboren.

Doch auch trotz bester Integration, guten Sprachkenntnissen, neuer Heimat und sozialem Umfeld: die Schweizer Behörden negieren die Bedrohung, welcher der Familienvater in Tschetschenien durch das dortige Regime ausgesetzt war und immer noch ist. Über den Asylantrag der Familie wurde zum zweiten Mal im Juni 2015 negativ entschieden.
Die Ausschaffung in ein Land mit einem Regime, welches den Vater bei Leib und Leben bedroht und welches die Kinder nicht mehr kennen, scheint für die Schweizer Behörden kein Problem darzustellen.

 

Lesen Sie hier die ganze Geschichte der Familie M

2008. Der zweite Tschetschenien-Krieg wütet seit 1999. Timur M.,  30 Jahre alt und Vater dreier kleiner Kinder, gibt einem Nachbarn aus seinem Dorf, einem Rebellen, zu Essen, weil dieser in Not ist.
 
Eine humanitäre Geste, die in Tschetschenien das Leben kosten kann.
 
Timur wird von den Schlägertrupps des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow (gefürchtet als "Kadyrowzis") brutal festgenommen und an einem unbekannten Ort in einem Keller verhört. Da sein Onkel im Krieg ein Widerstandskämpfer war – er wurde von den russischen Soldaten getötet – wirft man Timur vor, den Militärs geholfen zu haben. Während zehn Tagen wird Timur unter brutaler Gewaltanwendung (Schläge mit dem Gummiknüppel, Plastiksack über dem Kopf) und unter Todesdrohungen aufgefordert, Auskünfte über mutmassliche Widerstandskämpfer aus seinem Dorf zu geben. Er lehnt es ab, als Spitzel für die tschetschenischen Behörden zu arbeiten. Man lässt ihn frei. Dies hat in Tschetschenien System. In der Folge kommen jeweils 6-8 schwer bewaffnete Soldaten von Kadyrow „Sicherheitstruppe“ vor allem nachts in das Haus des Gesuchten, um auch der Familie Angst einzuflössen. Ein gängiges Vorgehen in Tschetschenien, um die Menschen gefügig zu machen. Man droht damit, die Gesuchten zu erschiessen, wenn sie sich nicht ergeben.

 

Kräftezehrende Flucht

Timur weiss, was nach der Freilassung folgt. Immer wieder verschwinden junge Dorfbewohner spurlos oder werden unter dem Vorwand der Gegenwehr erschossen. Deshalb versteckt er sich sofort ausserhalb des Dorfes, weshalb ihn Kadyrows Spezialeinheiten, die ihn suchen, weder in seinem Haus, noch in dem seiner Eltern vorfinden. Seine Frau Khedi versteckt sich mit den Kindern ebenfalls, aus Sicherheitsgründen an einem anderen Ort. Man bedroht auch seinen Vater sowie seine Brüder. Die Brüder flüchten.
 
Kurze Zeit danach flüchtet Timur mit seiner Familie aus Tschetschenien. Zu diesem Zeitpunkt ist der älteste Sohn, Anvar, 7, die Töchter, Marha und Linda, 4 und 2 Jahre alt. Die Flucht führt sie nach Polen, wo sie aber vor den "Kadyrowzis" nicht sicher sind. Für tschetschenische Regimekritiker ist es in Polen genau so gefährlich wie in Russland. Der Arm von Kadyrow ist lang. Die Familie flüchtet gemeinsam und unter sehr schlechten Bedingungen weiter bis in die Niederlande.

 

Verhängsnisvolle Rückkehr

In den Niederlanden dürfen sie wegen der Dublin-Verordnung nicht bleiben, die Familie leidet unter der Situation und ist zermürbt von der langen, anstrengenden Flucht. Unterdessen haben in Tschetschenien die Kämpfe zwischen den Rebellen und den Sicherheitskräften in ihrer Intensität abgenommen. Familie M. beschliesst – auch mangels an Alternativen – im Juli 2011 nach Tschetschenien zurückzukehren, in der Hoffnung, dass man sie nicht mehr verfolgen würde. Wenig später ergibt sich ein früherer Rebell aus ihrem Dorf den tschetschenischen Behörden und denunziert nun, um sein eigenes Leben zu retten, alle Leute, die ihn früher unterstützten, als Widerstandskämpfer. Darunter auch Timur.
 
Aufgrund dieser Denunziation erscheinen im Haus der Familie M. schon wenige Tage danach wieder die bewaffneten Soldaten Kadyrows Schlägertrupps, um Timur zu verhaften. Glücklicherweise ist er zu diesem Zeitpunkt nicht zu Hause. Aufgrund dieser Situation sieht sich Timur wieder gezwungen, sich und seine Familie aus Angst vor einer Festnahme, vor Folter und dem Tod zu verstecken. Wieder durchlebt Timur und seine Familie vier angsterfüllte Monate. Immer wieder kommen die bis unter die Zähne bewaffneten Schergen Kadyrows zu den Eltern von Timur und suchen nach ihm. Zu allem Übel hin wohnt Ramsan Kadyrow nur gerade 10 km von Timurs Dorf entfernt.
 
Die Situation in Tschetschenien ist für Timur und seine Familie aussichtlos. Im November 2011 beschliessen Timur und seine Frau Khedi, mit den drei Kindern aus Tschetschenien zu flüchten. Sie reisen mit dem Zug nach Moskau und dann über Weissrussland – in einem Minibus – versteckt bis in die Schweiz. Die Mutter ist mit mit dem vierten Kind schwanger.

 

Neue Lebensperspektive

Nach Ankunft in der Schweiz stellt die Familie ein Asylgesuch. Für die Dauer des Asylverfahrens wird die Familie der Gemeinde Kilchberg zugewiesen. Sohn Mansur kommt im April 2012 in Horgen zur Welt.
 
Endlich fühlt sich die Familie sicher und kann sich von der der kräftezehrenden Flucht langsam erholen. Die Familie fasst schnell Fuss in Kilchberg. Die Kinder werden eingeschult, Anvar geht in die 4. Klassse, Marha kommt zuerst in die zweite Klasse und wird kurz darauf wegen Anfangsschwierigkeiten in die erste Klasse zurückgestuft. Linda kommt in den Kindergarten. Dank intensiver Förderung der Schule und durch die bemerkenswerte und grossartige Unterstützung der Lehrpersonen und der Klassenkameraden lernen die Kinder schnell Deutsch.
 
Der Asylbeauftragte von Kilchberg, Herr Delafontaine, schwärmt schon bald von „seinen“ Schützlingen, die ihm anvertraut wurden. Sehr freundlich sei die Familie, äusserst hilfsbereit, höflich, reinlich, genügsam und dankbar für die Hilfe, die die Familie in Kilchberg erhält. Timur wird zur rechten Hand von Herrn Delafontaine, hilft ihm ehrenamtlich beim Möbel-Zügeln, beim Einrichten von Wohnungen für neue Asylbewerber, beim Entsorgen und Aufräumen.
 
Die Kinder, anfangs noch scheu und zurückhaltend, blühen in ihrem neuen Umfeld schnell auf und haben sich zu lebensfrohen, offenen, jungen Menschen entwickelt. Sie finden rasch viele Freunde und sprechen heute ein akzentfreies Hochdeutsch und zum Teil auch Schweizerdeutsch. Marha und Linda entdecken neben ihrem schulischen Interesse ihre Begabung zum Bodenturnen, welches sie im Freifach „Geräteturnen“ ausleben dürfen. Auch lassen sie, wenn die Hausaufgaben erledigt sind, keine Gelegenheit aus, sich bei schönem Wetter mit ihren Freundinnen im nahen Seebad zu treffen. Anvar entdeckt seine Leidenschaft für Fussball und trainiert fleissig im Fussballclub Kilchberg-Rüschlikon.
 
Timur nimmt Deutschkurse. Sobald der Jüngste alt genug ist, möchte auch die Mutter Deutschunterricht nehmen. Die Eltern sind interessiert an der Schule und unterstützen ihre Kinder, wo sie können. An schulischen Veranstaltungen nehmen sie gerne und engagiert teil. Zu den Lehrpersonen pflegen sie ein gutes Verhältnis. „Die Treffen mit den Eltern sind geprägt von gegenseitigem Respekt, Akzeptanz und Wohlwollen beiderseits“, sagt der Klassenlehrer von Linda, Thomas Böhm.

 

Odyssee durch Schweizer Asylwesen

Doch noch ist das Ziel – eine Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz zu erhalten – nicht erreicht. Einerseits wird Timur weiterhin von  der „Sicherheitstruppe“ Kadyrows gesucht, indem man seinem Vater in Tschetschenien wiederholt Vorladungen des Innenministeriums für Timur überreicht. Andererseits ist das Asylverfahren in der Schweiz noch im Gange.
 
Dann, Ende November 2013 – zwei Jahre nach Einreichen des Asylgesuches – folgt der Schock: Das Bundesamt für Migration (heute Staatssekretariat für Migration) lehnt das Asylgesuch mit der Begründung ab, die Beweismittel hielten den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit nicht stand. Die Beweismittel, also die Vorladungen des Innenministeriums, seien in Tschetschenien „leicht käuflich erwerbbar“. Gleichzeitig erachtet das BFM eine Wegweisung als „zumutbar und möglich“.  
 
Fassungslos nimmt Timur den Entscheid entgegen. Er weiss, in Tschetschenien wäre er seines Lebens nicht mehr sicher und müsste auch um die Sicherheit seiner Familie fürchten.
 
Mithilfe eines Anwalts, finanziert durch die Hilfe von Freunden, legt die Familie M. Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht ein und bittet um erneute Prüfung ihrer Situation.

 

In der Schweiz zuhause

Die Klassenkameradinnen und Kameraden von Linda schreiben dem BFM Briefe und bitten darum, Linda möge bitte in der Schweiz bleiben dürfen. Sie verstehen nicht, warum Linda die Schweiz verlassen muss, sie sei doch eine von ihnen und gehöre einfach dazu.
 
Unterdessen sind seit ihrer Ankunft der Familie M. in der Schweiz nun fast 4 Jahre vergangen. Familie M. fühlt sich in der Schweiz zuhause. Die jüngeren Kinder haben nach dieser langen Zeit kaum mehr Erinnerungen an Tschetschenien. Sie sprechen zwar noch Tschetschenisch mit ihren Eltern, aber kein Russisch, welches die Amtssprache in Tschetschenien ist und auch in der Schule zur Anwendung kommt. Tschetschenisch und Russisch habe übrigens etwa so viel gemeinsam wie „Deutsch und Polnisch“, sagt Timur. Untereinander sprechen die Kinder Deutsch.
 
Herr Delafontaine, der Asylbeauftragte der Gemeinde Kilchberg, der die Familie und ihre Geschichte bestens kennt, meint dazu:
 
„Der jungen Familie droht eine Abschiebung in das kleine Land Tschetschenien, in dem bis heute eine blutige Diktatur herrscht. Tschetschenien kennt keine demokratischen Rechte. Gemäss Amnesty International verschwinden auch heute noch Tausende von Menschen spurlos. Die Familie führt bei uns ein bescheidenes, aber sehr mustergültiges Leben. Die Kinder sind vorbildlich integriert. Eine Wegweisung würde den Glauben der Kinder an die Menschlichkeit unwiederbringlich zerstören und die Familie in eine lebensbedrohliche Situation bringen. Timur und seine Familie ist hier zuhause, und es würde mir das Herz brechen, sie wegweisen zu müssen.“
 
Des Weiteren führt Herr Delafontaine aus:
 
„Bei der Abwicklung eines Asylverfahrens vermisse ich Rückfragen bei den zuständigen Betreuungs-personen. Man hat mich über die Familie M. nie befragt. Man wollte von mir weder etwas über ihr soziales Umfeld wissen, noch darüber, wie die Familie sich verhält oder wie sie sich integriert hat in der Gemeinde. Ich finde es stossend, dass die sozialen Aspekte beim Asylverfahren in keiner Weise berücksichtigt werden. Dies umso mehr, wenn junge und schulpflichtige Kinder, die vorbildlich integriert sind, betroffen sind. Die Bezugspersonen in einer Gemeinde sind zweifellos prädestiniert für die – zugegeben – schwierige und komplexe Beurteilung der einzelnen Fälle. Nach Jahrzehnte langer Begleitung von Asylbewerbern sind wir aber durchaus in der Lage, positive wie negative Erfahrungen kundzutun. “
 
 
Definition Duden zu „Heimat“ : „Land, Landesteil oder Ort, in dem man [geboren und] aufgewachsen ist oder sich durch ständigen Aufenthalt zu Hause fühlt (oft als gefühlsbetonter Ausdruck enger Verbundenheit gegenüber einer bestimmten Gegend)“
 
 
Timur hätte, sobald er eine Aufenthaltserlaubnis erhalten würde, bereits eine Anstellung bei einer hiesigen Firma.
 
Timur, Khedi, Anvar, Marha, Linda und natürlich auch der kleine, hier geborene Mansur sind hier in der Schweiz zuhause.


 

Filmempfehlung


"Citizen Khodorkovsky" der neue Film von Eric Bergkraut, berührt Fragen, die nicht nur Russland betreffen. Wie in den vorigen Filmen "Coca, The Dove From Chechnya" und "Letter to Anna" über den Mord an Anna Politkovskaja, geht es um die Rolle des Einzelnen in der Gesellschaft, um Verantwortung und Mut. Also um Fragen, die auch rund um Familie M in Kilchberg und die Haltung der Schweizer Behörden virulent wurden. Der Film startet am 30.6. in den Kinos.


Beleg der Unzumutbarkeit der Rückschaffung


Das sagt Ekkehard Maaß von der Deutsch-Kaukasischen Gesellschaft über die Situation der Familie M in Tschetschenien.
1998 erhielt Ekkehard Maaß für 30 Jahre Einsatz für Bürger- und Menschenrechte ein Stipendium der Deutschen Nationalstiftung. 2011 wurde er mit dem Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.


Anonymität zum Schutz der Familie

Aus Sicherheitsgründen wird Familie M nicht mit vollem Namen genannt. Ebenfalls werden wir auf der Site so weit wie möglich auf erkennbares Bildmaterial der Eltern verzichten. Diese untypische Vorgehensweise in einer Unterstützungskampagne wurde gewählt, um die Familie vor zusätzlichen Repressalien seitens der tschetschenischen Behörden zu schützen.


Komitee Hier zuhause, Postfach, 8802 Kilchberg, Unterstützungskonto PC 61-248075-2, Hier zuhause, Kilchberg