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Tschetschenien

Tschetschenien: Zwischen Glitzer und Tod

Seit Beendigung des Krieges 2009 liest man nicht mehr viel über das kleine Land im Kaukasus. Es scheint alles ruhig zu sein unter Machthaber Ramsan Kadyrow, der das Land seit acht Jahren regiert. Wie unter Stalin werden die Städte herausgeputzt und Glaspaläste sowie grosszügige Boulevards erstellt. Hinter der Fassade aber herrschen Verfolgung, Folter und Willkür. Die Angst regiert. Die Polizei und die Sondereinheiten Kadyrows sind allgegenwärtig, um ihre Kritiker mundtot zu machen.

Groszny
Ein Potemkinsches Dorf: Groszny, wie es glitzert und glänzt

Internationale Menschenrechtler vergleichen die Situation in Tschetschenien mit der Schreckensherrschaft von Stalin. Es herrscht weder Recht noch Gerechtigkeit. Die totalitäre Regierung, mit Ramsan Kadyrow an der Spitze, versucht diese Tatsachen so gut wie möglich zu verstecken. Er lässt glitzernde Hochhäuser bauen, welche den Betrachter im Glauben lassen, dass es dem Land wirtschaftlich wie auch politisch gut ginge. Doch der Schein trügt. Regimegegner werden kompromisslos eliminiert. Kadyrows quasi Privatarmee, die Kadyrowzy, ist seit vielen Jahren bekannt für zahlreiche Verschleppungen, Folterungen, Erpressungen, Vergewaltigungen und illegale Hinrichtungen. Sie stürmen mitten in der Nacht in die Wohnungen von wehrlosen Bürgern und nehmen diese mit. Kadyrow ist seit 2007 an der Macht und nutzt diese willkürlich aus.

Kadyrow
Der Präsident: seine Macht kommt aus den Gewehrläufen

Wer nicht einverstanden ist mit dem was er sagt oder tut, wird zum Feind der Republik erklärt. Das Wort des Machthabers steht über der Verfassung. Diese ist zu einem Papier ohne Wert geworden. Eine seiner Methoden ist das Abbrennen von Häusern von vermeintlichen Gegnern, Kritikern oder deren Verwandten. Dieses Schicksal traf Anfang Juni auch die tschetschenische Menschenrechtsorganisation „Komitee gegen Folter“. Deren Tür wurde aufgebrochen, die Räumlichkeiten verwüstet und die Mitarbeiter wurden zur Flucht gezwungen. Doch dies ist nur einer von unzähligen Fällen, viele kommen erst gar nie an die Öffentlichkeit. Die Leichen der Verschwundenen werden oft nicht gefunden, es ist der Bevölkerung sogar verboten, über die Opfer zu sprechen.

 

Kriege
Tschetschenien prägten zwei Kriege. Als sich die Sowjetunion 1991 ihrem Ende zuneigte, erklärten die Tschetschenen ihre Unabhängigkeit. Diese Unabhängigkeitsbewegung war dem grossen Nachbar Russland seit jeher ein Dorn im Auge. Deshalb unterstützte der Kreml die politische Opposition in Tschetschenien.

Time Bildstrecke
Krieg in Tschetschenien: Bildreihe des Fotojournalisten Yuri Kozyrev

Und schon bald weitete der politische Konflikt sich in einen militärischen aus. So kam es 1994 zum ersten Krieg zwischen der Kaukasusrepublik Tschetschenien, der bis 1996 andauerte und über 80'000 Menschen das Leben kostete (genaue Zahlen sind nicht bekannt). Doch die tschetschenische Republik konnte ihre Unabhängigkeit am Ende bewahren. Der zweite Tschetschenienkrieg (1999-2009) dauerte fünfmal länger als der Erste. Auslöser war erneut der Einmarsch der russischen Armee, welche die, aus ihrer Sicht kriminelle, Regierung kippen wollte. Die nach dem Angriff verbleibenden Unabhängigkeitskämpfer waren gewiss nicht harmlos und setzten Selbstmordattentäterinnen ein, die unter dem Namen „Schwarze Witwen“ in der Öffentlichkeit bekannt wurden. Nichtdestotrotz gewann Russland den Krieg.

Fl├╝chtlingslager in Tscheschenien
Flüchltingslager in Tschetschenien

2009 zog die russische Armee erfolgreich ab, zurück blieb eine Marionette (Ramsan Kadyrow) der russischen Regierung, welcher Tschetschenien seitdem unterjocht. Die Gräueltaten der Kriege sollen bald aus der Geschichte gestrichen sein. Heutzutage ist es verboten, deren Toten zu gedenken. Um deren Existenz zu dementieren, wurden ihre Gräber zerstört.

 

 

 

 

Ein lukratives Gegengeschäft
Von Beginn an verbreitete Kadyrow in der tschetschenischen Bevölkerung Angst, um somit seine Machtposition zu sichern. Dafür nutzt er ein effektives Repressionssystem, welches von Russland finanziell unterstützt wird. Als Gegenleistung verlangt der russische Präsident Wladimir Putin zum einen eine aktive Beteiligung der tschetschenischen Regierung gegen nationale Terroristen, um Unruhen im eigenen Land vorzubeugen.

Der grosse Bruder spricht
Der grosse Bruder spricht zu den BewohnerInnen von Tschetschenien

Wer diese sogenannten Terroristen sein sollen, entscheidet Kadyrow selbst, meistens sind es lediglich Andersdenkende. Zum anderen verlangt das russische Oberhaupt eine Verfolgung der internationalen Terroristen, zu denen extreme Islamisten gehören. Für jeden ausgelieferten Terroristen, bekommt Kadyrow von Russland ein Taschengeld. Putin selbst versucht durch seine Anti-Terrorismus-Kampagne von einer Imageverbesserung in der westlichen Welt zu profitieren, in der er zwar bekannt aber verpönt ist. Kadyrow kennen wiederum nur wenige. Dies unterstreicht Kadyrows Marionettenfunktion und das Abhängigkeitsverhältnis Tschetscheniens gegenüber Russland.

 

Gefangen im eigenen Land
Die Tschetschenen leiden nicht nur an einer Arbeitslosigkeitsrate von 40%, ihnen sind auch die essenziellsten Menschenrechte wie die Meinungs- und Versammlungsfreiheit nicht gewährt. Wer auf der Strasse gegen das Regime demonstriert, muss damit rechnen, erschossen zu werden. Ein Aufstand ist schwierig zu organisieren, weil keine Pressefreiheit besteht.

Strassenszene
Nichts bleibt unbeachtet: Strassenszene mit der ewigpräsenten Familie Kadyrov

Den Bürgern ist eine eigene Meinungsbildung erheblich erschwert. Da im Besonderen Jugendliche kein alternatives Informationssystem kennen und keinen Sinn im Widerstand sehen. Die Mehrheit ist müde vom ewigen Kampf für die Unabhängigkeit. Sie leben ihr Leben ohne Zukunftsperspektiven. An den Feiertagen der autoritären Regierung werden sie gezwungen, auf die Strasse zu gehen, die Fahne mit dem Gesicht jenes Mannes zu schwenken, der ihnen die Freiheit raubt. Die Tschetschenen leben ihr Leben zwischen dem kalten Glitzer der leerstehenden Hochhäuser und der virulenten Angst getötet zu werden.


 

Tschetschenien – Vergessen auf Befehl

Eine von ARTE mitproduzierte, erschütternde Dokumentation der Filmemacherin Manon Loizeau über das heutige Tschetschenien.

Der Film wurde 2015 am ‚International Film Festival and Forum on Human Rights’ mit dem ,Grand Prize of the World Organization Against Torture’ ausgezeichnet.

Deutsche Fassung:

version française:


Die Babys von Grozny

2003 schildert Manon Loizeau in ihrer Reportage den Alltag in einer Entbindungsstation in der tschetschenischen Hauptstadt mitten im Krieg.

 

Tiefgreifende Informationen zu Tschetschenien

Die Deutsch-Kaukasische Gesellschaft e. V. gewährt tiefe Einblicke in die Geschichte und die Politik des Kaukasus und zeigt im Besonderen die Situation in Tschetschenien auf.

  http://www.d-k-g.de/tschetschenien.html


Tschetschenien in den Medien

Um sich einen Überblick Bild über die Situation in Tschetschenien zu machen, empfehlen wir Ihnen die folgenden Artikel:

  Zwangshochzeit durch das Regime
  Interview mit Manon Loizeau
  Interview mit Swetlana Gannuschkina
  Im Namen der Terrorbekämpfung

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